Anonymous

Was haben Shitstorms und Trolling mit Respekt zu tun? Mögliche Antworten liefert das Kapitel „Ohne Respekt“ aus „Im Schwarm“ von Byung Chul Han. Er schreibt über den fehlenden Respekt und die Distanz, die Anonymität im Einklang mit der Macht, welche für Hasskommentare im Netz sorgen.

Sie haben die Kraft jeder und alles zu sein und führen gar eine eigene Politik. Sie sind namens- sowie gesichtslos und bilden seit 10 Jahren ein Hacker-Kollektiv: Anonymous.

Weisen Anonymous und die These von Byung Chul Han Parallelen auf?

Distanz ermöglicht Respekt und genau diese Distanz reisst Anonymous an sich, lässt sie gar schwinden. Durch ihren Kampf für ein freies Internet gelangen vertrauliche Dokumente und Daten in ihre Obhut. Ihre Toleranz gegenüber Lügen ist gering, weswegen sie den Machthabern ihr höchsten Gut, die Macht, nehmen wollen. Aus moralischen Motiven greifen sie die Obersten an, ohne wirklichen Schaden anrichten zu wollen. Das sagen sie zumindest. Stattdessen erzielen sie Schamgefühle ihrer Opfer und erlauben sich Witze und Blossstellungen, die Aufmerksamkeit erregen.

Doch schwindet mit der fehlenden Distanz nicht auch der von ihm begleitete Respekt?

Angefangen hat es auf 4Chan, einer Webseite zum Hochladen von Bildern und Kommentaren, anonym und völlig unzensiert. Erstmals machte sich Anonymous an vielen Orten der Welt bemerkbar, als sie gegen die Zensur auf die Strassen gingen.

Entstanden ist daraus ein Prisma mit zahlreichen Facetten, welches Spielraum für Propagandaorganisationen gibt. Es gibt keinen Führer, beziehungsweise sind diese nur temporär, da sich Interessierte jeweils verschiedenen Operationen anschliessen können. Die Provokation aus Spass möchte die Ernsthaftigkeit aus den Internetnutzern kitzeln. Meines Erachtens schwindet Respekt ab diesem Moment, in welchem man jemanden angreift. Ob es einen Unterschied macht, wenn dies aus blossem Spass oder tatsächlichem Hinterhalt geschieht, lasse ich hier offenstehen. Der Respekt in der Hacker-Gruppe ist dafür umso enormer. Es ist ihr Rezept zur Machtausübung.

Trotzdem muss man zugeben, dass Extremitäten manchmal von Nöten sind. Sie rütteln auf. Anonymous hat bereits zahlreiche Twitter-Konten des IS lahmgelegt oder gar gelöscht. Ihren eigenen Angaben zufolge haben sie durch die Überwachung der Kommunikation einer Terrorgruppe sogar Pläne eines Terroranschlags in Nordafrika den Sicherheitsbehörden weitereleiten können, sodass ein Attentat verhindert wurde. Die Liste ihrer Erfolge ist aber um einiges länger und zeigt damit den Einfluss der Netzkultur.

Interessieren würden mich die Bewegungsgründe zur Mitgliedschaft einzelner Anhänger. Ist es das Gefühl, jemand anders mit differenzierter Meinung sein zu können? Ist es die einladende Vorstellung etwas erreichen zu können und gegen den Strom zu schwimmen? Oder ist es doch das Gemeinschaftsgefühl, ein Teil von etwas Grossem zu sein, welches eine Leidenschaft entflammt?

Ihre Anonymität steht allein dafür, um Gleichgesinnte zu treffen. Die Mitglieder sind nicht eigentumsinteressiert, sondern streben eine Kollektivgemeinschaft an. Doch es befindet sich ein Widerspruch in ihren Anonymität: Schliesslich entfliehen sie mit ihren klaren Statements gewissermassen dieser Anonymität und nehmen Stellung. Niemand weiss wer und wieviele sich hinter den Masken verbergen. Doch genau dies ermöglicht ihnen ihre Existenz als Hacktivisten. Gemeinsam scheinen sie stark zu sein, nur so funktioniert ihr Prinzip. Und genau diese Stärke nutzen sie zur Schwächung anderer.

Doch warum aber zeigen sie sich überhaupt anonym? Gilt es nicht als Stärke, wenn sichtbare Identitäten sich für oder gegen jemanden oder etwas einsetzen?  Durch die Vereinheitlichung eines bestimmten Merkmals, der Maske, entsteht ein Gruppengefühl. In das Tragen ihrer Masken könnte man aber auch eine gewisse Schwäche interpretieren: Sie verstecken sich.

Anonymität steht für das Unbekannte – und wirkt nicht das Unbekannte oft furchteinflössend?

Und genau deshalb sind sie bleibende Fragezeichen, die für aufmerksamkeitserregende Ausrufezeichen kämpfen.

 

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Ein Gedanke zu “Anonymous

  1. Sehr spannende Gedanken. Man erkennt an Ihrem Beitrag, dass Sie sich eingehend mit der Thematik auseinandergesetzt haben. Gut, wie Sie Byung-Chul Han und Anonymous zusammen betrachten. Versuchen Sie beim nächsten Mal noch ein bisschen genauer Begriffe wie Respekt, Distanz usw. zu verwenden (und ev. kurz zu definieren)- dann werden Ihre Überlegungen noch ausgefeilter als Sie jetzt schon sind. Gut!!

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